„Das bin ich“ – Der Weg Carl Rogers zur Psychologie

Rogers befaßte sich in seinen Büchern immer wieder eingehend mit sich selbst, um ausgehend von jenem Status Quo sein bisheriges Leben zu reflektie­ren, daraus neue Erkenntnisse über sich und dem­zufolge auch über sein Konzept zu gewin­nen und es seinen Lesern so mitzuteilen.

In seinem Buch „Entwicklung der Persönlichkeit“ (Rogers, C.: Entwicklung der Persönlichkeit 1976) betitelt er gleich sein erstes Kapi­tel mit „Das bin ich“. Hierin zeichnet er die Entwicklung seiner fachlichen Ansich­ten und seiner per­sönliche Philosophie nach.
Geboren wurde Rogers 1902 in Oak Park, als viertes von sechs Kindern, in einem von Pietis­mus geprägten Elternhaus, daß er selber als streng und kompromißlos reli­giös bezeichnet. Es war gekennzeichnet von engen Familienbindungen und einer „Vereh­rung des Werts der schweren Arbeit“ (s. o. Seite 21). Da die Familie demzufolge auch we­nig Kontakt mit an­deren Leuten pflegte und auch glaubte (bzw. akzeptierte) anders als die anderen Men­schen zu sein, war er also ein ziemlich alleinstehender Junge, der sich hauptsäch­lich mit Lesen beschäftigte.

In Rogers zwölftem Lebensjahr kaufte sein Vater, ein wohlhabender Geschäftsmann, eine Farm, auf der sich die Familie, aus der Angst seiner Eltern heraus, die jugendli­chen Kinder könnten ansonsten den Versuchungen des Kleinstadtlebens erliegen, häuslich einrichteten.

Hier entwickelt sich auch Rogers Interesse für Naturwissenschaften.
Indem er sich mit dem Sammeln und Züchten von Schmetterlingen befaßt und au­ßerdem Fachbücher über Landwirtschaft verschlingt, Hühner, Schafe, Schweine und Kü­he großzieht, lernt er auch seiner Meinung nach, sich mit den Methoden der na­turwissenschaftlichen Praxis auseinanderzusetzen.

Bald beginnt er mit dem Studium an der Universität von Wisconsin im Fachbereich Agrarwissenschaft. Doch schon während seiner ersten zwei Jahre ändert sich sein In­teresse in Richtung Theologie, worauf er in in das Hauptfach Geschichte wech­selt, worin er glaubt, eine „bessere Vorbereitung“ (s. o. Seite 22) zu finden.

1922, im vorletzten Jahr vor seiner Graduierung, wohnt er einer sechsmonatigen World Student Christian Conference in China bei, wo sich, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, Studenten aus aller Herren Länder treffen. Also Menschen unterschied­lichster religiöser Anschauung und Einstellung, die ihn zwingen, offener und großzü­giger im Denken den Menschen gegenüber zu werden.
Hieraus lernt er auch, sich von den strengen religiösen Ansichten seiner Eltern zu lö­sen. Er bezeichnet diesen Schritt als einen Punkt, wo er zum ersten Mal „ein unab­hängiger Mensch“ (s. o. Seite 23) wurde.

Im Übrigen lernt er hier auch seine spätere Frau, die er schon seit seiner Kindheit kennt, näher kennen. Sie heiraten nach dem Hochschulstudium, um anschließend ge­meinsam an die Graduate School (Die Graduate School ist eine Universitätsausbildung nach Erreichung des Bachelor-Grades, die zum Abschluß Magister oder Doktor führt.) zu gehen.

1924 also, besucht er das Union Theological Seminary an der Columbia Universität, um sich dort auf die Kirchen­arbeit vorzubereiten. Diese Zeit empfindet er als zutiefst befriedigend, da er dort auch zum ersten Mal mit neuen Formen des Unterrichts und demzufolge auch des Lernens konfrontiert wird. (Wie er meint, brachten diese Semi­nare seine eigene Philosophie des Lebens erheblich weiter.)

Diese offene und liberale Führung der Seminare hat nämlich auch zur Folge, daß sich die Seminarteilnehmer nicht nur mit kirchlichen Fragen beschäftigen, sondern auch mit generellen Fragen „über den Sinn des Lebens und die Möglichkeit einer konstruktiven Verbesserung des Lebens der Einzelnen“ (Rogers, C.: Entwicklung der Persönlichkeit 1976; Seite 24).

Hier kommt er aber auch zu der Erkenntnis, daß er nicht weiterhin in einem Bereich ar­beiten will, in dem man von ihm verlangen würde, immer „an eine bestimmte reli­giöse Doktrin zu glauben“ (s. o. Seite 24). Er fürchtet, da er annimmt, sich auch weiterhin in einem Pro­zeß der Veränderung seines Glaubens zu befinden, in der Freiheit seiner Gedan­ken eingeschränkt zu werden.
Was also tun?

Hatte er schon während jener Zeit an der Union Theological Seminary an Vorlesun­gen über Psychologie und Psychiatrie teilgenommen, so intensiviert er dies noch. Er be­sucht weitere Seminare und Vorlesungen an der Pädagogischen Hochschule der Co­lumbia Universität. Dort belegt er Fächer wie z. B. Pädagogische Philosophie und be­ginnt mit prakti­scher klinischer Arbeit an Kindern.

Da er zu dieser Zeit, wie er meint, einfach intuitiv handelt, wechselt er bald ganz in den Fachbereich Erziehungs­beratung der Columbia Universität über.

Von hieraus bewirbt er sich auch erfolgreich um eine Assistentenstelle am neu ein­gerichteten In­stitute for Child Guidance (Institut für Erziehungsberatung), wo er sich seinen Neigungen entsprechend einbringen kann und für ihn positive Lernerfahrun­gen macht, die auch auf sein späteres Wirken Einfluß haben werden.

Denn hier setzt er sich intensiv mit der Lehre Freuds und den Ansichten seiner Kolle­gen darüber auseinander, welche in einem Widerspruch zu „einem rigorosem, kalt-ob­jektiven, statistischen Standpunkt“ (s. o. Seite 25) der Pädagogischen Hochschule standen. Er merkt auch, daß sich beide Standpunkte unvereinbar gegenüber stehen.

In Rochester, New York, tritt er nach Beendigung seiner Ausbildungszeit dann seine erste Stelle als Psychologe an. Er arbeitet dort zwölf Jahre (in welcher Zeit er bis zum Direktor jener Einrichtung aufsteigt) in der entwicklungspsy­chologischen Abtei­lung der Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeiten an Kindern.

Hier setzt er sich, in einem multiprofessionellen Team, mit delinquenten und unter­privilegierten Kindern und Jugendlichen und deren Therapie auseinander.

Vielleicht kann man diese Zeit auch als die entscheidenste bezeichnen, die Rogers überhaupt erst darauf aufmerksam macht, daß es noch weitere Wege in der Therapie geben muß, einem Patienten zu helfen.

Als Schlüsselerlebnis Rogers für die Entwicklung seines eigenen Therapiekonzepts, wird immer wieder gern dieser Fall einer Mutter mit ihrem Sohn genannt (s. o. / siehe auch: Quitmann, H.: Humanistische Psychologie 1996):

Während dieser schwierige Junge, von einem Kollegen Rogers in einer Spielthera­pie betreut wird, spricht Rogers selber mit dessen Mutter. Allerdings verlaufen diese Ge­spräche mit der Mutter – in denen es ausschließlich um das Verhalten ihres Jun­gen und um Ratschläge geht, ihn wieder „auf den richtigen Weg“ zu bringen – äu­ßerst un­befriedigend. Rogers ist klar, daß das Problem des Jungen eindeutig in der frühen Ab­lehnung seitens der Mutter besteht. Er kann die Mutter aber nicht zu einer Ein­sicht „verhelfen“. Schließlich gibt er auf. Als sie gehen will, äußert sie vorsichtig die Frage, ob Rogers denn auch Erwachsene beraten würde. Er ist zunächst erstaunt, wil­ligt aber ein.

Als die Frau dann Platz nimmt und beginnt zu erzählen, sprudelt es nur so aus ihr her­aus. Allerdings bekommt er nun nicht die Geschichte zu hören, die er ihr in den vorhe­rigen Sitzungen durch sein Fachwissen und seine Ratschläge „entlockte“, son­dern vielmehr wird nun klar, daß es nicht die Beziehung der Mutter zu ihrem Sohn, oder der Sohn allein ist, die das „Problem“ darstellen, sondern vielmehr die Mutter sel­ber ist es, die Hilfe benötigt. Sie schildert nun, da sie frei erzählen kann, ihre Ehe­probleme, ihr gestörtes Verhältnis zu ihrem Ehemann und ihre Gefühle des Versa­gens und der Verwirrung. Rogers ist sich der Tatsache bewußt, daß die wirkliche Therapie genau in diesem Moment einsetzt, da sie frei erzählen kann und er sich zu­rücknimmt.
– Ein einschneidendes Erlebnis also.

Er merkt auch, daß Hilfe sich nicht lediglich auf Fachwissen gründen läßt, wobei der The­rapeut der Experte ist, der den Patienten als Objekt beraten (und somit manipu­lieren und formen) darf, um das gewünschte wissenschaftliche Ergebnis zu errei­chen.
Rogers wird nun immer klarer, daß nicht er als Therapeut es ist, der daß Gespräch führen muß, sondern „daß der Klient derjenige ist, der weiß, wo der Schuh drückt, welche Richtungen einzuschlagen, welche Probleme entscheidend, welche Erfahrun­gen tief begraben gewesen sind. Langsam merkte ich, daß, wenn ich es nicht nö­tig hätte, meine Cleverneß und Gelehrsamkeit zu demonstrieren, ich besser daran täte, mich auf den Klienten zu verlassen, was die Richtung des Prozeßablaufs an­ging.“ (Rogers, C.: Entwicklung der Persönlichkeit 1976; Seite 27)

Und ab dieser Stelle möchte ich den weiteren persönlichen Lern- und Le­bensweg Rogers in den Hintergrund stellen und mich mehr der nun begonnenen Entwicklung seines Thera­piekonzepts an sich widmen.

Diese Entwicklung kann man in verschie­dene, sich teilweise überlappende Phasen unterteilen (Kriz, Jürgen: Grundkonzepte der Psychotherapie 1989 – Vgl. auch: Heigl-Evers, A. / Heigl, F. / Ott, J. / Rüger, U.: Lehrbuch der Psychotherapie 1997
und Quitmann, H.: Humanistische Psychologie 1996).

Im quasi folgenden Kapitel geht es um die Entwicklung der Personenzentrierten Gesprächstherapie.